Orientalist und Spion

Spät, aber nicht zu spät habe ich angefangen, Ilija Trojanows Der Weltensammler zu lesen. Die Teile über Indien und Arabien habe ich schon durch. Ein sehr gutes Buch, das jeder Orientalist lesen sollte. Aber alle anderen natürlich auch. Der Roman verdichtet das Leben von Sir Richard Francis Burton (1821–1890), ein englischer Offizier, der sich in Indien schon gleich unterschied durch seine starke Neigung und Begabung, die örtlichen Sprachen zu lernen und sich unter die Inder zu mischen. Ein Orientalist also. Die Neigung des jungen Exzentrikers wurde alsbald von den kolonialen Behörden ausgenutzt. Der Weg vom teilnehmenden Beobachter zum Spitzel ist erstaunlich kurz.
Trojanow hat gut recherchiert; für die islamische Welt sind seine Sachkenntnisse in Ordnung. Sein Indien kann ich nicht beurteilen; auf jeden Fall bringt er es so, daß man es ihm abnimmt. Das liegt wohl auch an die sehr gekonnten Erzähltechniken, die die Handlung jeweils aus mehreren Perspektiven betrachten lassen.
Sein Burton ist auch nach Mekka gereist, was für Nicht-Muslime streng verboten war und ist. Er mußte also Muslim werden oder den Islam vortäuschen. Aber diese Verkleidung hatte er schon früher ausprobiert, er konnte das mit links. Ob der Held in Arabien auch Spitzel war? Das ist noch die Frage: er hat um sich geschaut und ein Buch geschrieben aus Interesse, aus Wissensdrang. Das die Regierung in London damit hoch erfreut war, dafür konnte er eigentlich nichts. Spitzel, Spion so fühlt man sich, so fühlte ich mich damals auch. Bloß die Nase in anderer Leute Sache stecken und alles diskret beobachten, das gibt einem bereits dieses Gefühl. Wenn dann auch das Gastland noch von Spionage besessen ist, wie mein Ägypten, oder Burtons Osmanische Reich, dann fühlt man sich wirklich Spion. Aber für wen? Ich selbst habe nie für jemanden spioniert; nur für mich.
(In unserer Zeit ist Spionage nicht mehr so nötig. Warum durch das Schlüsselloch Kenntnisse sammeln, wenn sie überall in der Öffentlichkeit zum greifen nah liegen? Die Schlüssellochperspektive ist veraltet.)
Warum hatte Trojanows Burton diesen Trieb? Sehr deutlich: weil er sich in seinem eigenem England nie zu Hause fühlen konnte. Daher sein ständiges Suchen nach Zugehörigkeit, die er auch an verschiedenen Orten erreichte, aber die nie von Dauer war. Und immer gab es heimlich eine Heimbasis, der er aber mißtraute, und sie ihm. Die erworbenen Kenntnisse verkaufte er im nachhinein schon in Buchform an die ‘eigenen’ Leute, was ihn aber nicht näher zu seiner Heimat brachte.
So ein Burtonsches Handeln setzt voraus, daß das beobachtete Volk als fremd empfunden wird. In z.B. Dänemark kann man ja schwerlich Spion sein. Aber irgendwann werden auch die fernen Völker vielleicht nicht mehr so fremd sein. Nein, mit schwierigen Sprachen hat das nichts zu tun. Die Finnen und Ungarn sprechen für Nordwesteuropäer lästig erlernbare Sprachen, stehen uns aber ganz nahe, oder?
Lustig sind bei Trojanow auch die Gespräche der türkischen und mekkanischen Autoritäten über Burton. Sie hatten ihn schon längst auf dem Kieker, aber verstanden sein Motiv nicht, und sein späteres Buch auch nicht. Sie kamen nicht darauf, daß ein Orientalist einfach neugierig sein kann, wissen will.

Een reactie plaatsen

Opgeslagen onder Literatur, Ostwestliches

Reageer

Vul je gegevens in of klik op een icoon om in te loggen.

WordPress.com logo

Je reageert onder je WordPress.com account. Log uit / Bijwerken )

Twitter-afbeelding

Je reageert onder je Twitter account. Log uit / Bijwerken )

Facebook foto

Je reageert onder je Facebook account. Log uit / Bijwerken )

Google+ photo

Je reageert onder je Google+ account. Log uit / Bijwerken )

Verbinden met %s