Archiv "Schreiben" (aus einem älteren Blog)

Donnerstag, 13. Oktober 2005, Tippfehler
Wenn ich einen Text eingebe oder einfach nur so vor mich hinkritzele, mach ich unendlich viele Tippfehler. Die Sekretärin korrigiert die dann später. Weil ich keine habe, spiele ich meine eigene Sekretärin. Das ist auch eine Arbeit, aber eine leichtere als das eigentliche Schreiben.
Meinen ersten Computer kaufte ich 1986. 9000 DM hat das Biest damals gekostet. Seitdem hat die Zahl meiner Tippfehler stetig zugenommen. Ist es bereits das Alter? Ich glaube nicht; es ist vielmehr ein großes Freiheitsgefühl.
Als das Tippen noch mit der Schreibmaschine ging, kam es darauf an, so wenig Fehler wie möglich zu machen. Eine falsche Buchstabe, oder auch zwei, das war noch korrigierbar mit dem Korrekturband. Wenn aber ein ganzes Wort vergessen war, mußte man die ganze Seite neu tippen. Das war eine schwere Strafe, besonders wenn die Texte mehrsprachig waren und auch Kursivschrift enthielten, was ein stetes Auswechseln der IBM-Golfbälle erforderte. Man tippte also lieber fehlerlos. Aber der Preis dafür war ein gewaltiger Arbeitsstreß. Der ist ganz abwesend beim PC, wo Fehler ja völlig unwichtig sind. Fehlerlos tippen könnte ich wahrscheinlich noch immer, aber ich will nie mehr diese Anspannung spüren. Die spätere kleine Korrekturrunde ist dabei ein Kinderspiel.

Freitag, 30. September 2005, Schreibgerät
Noch immer bietet die Elektronikindustrie nicht an, was ich haben möchte. Ich wünsche mir eine kleine, einfache elektronische Schreibmaschine für unterwegs. Zwar habe ich einen Laptop, aber der wiegt glaube ich fast drei Kilo. Es gibt auch Laptops zu anderthalb Kilo, aber das ist mir noch zu schwer. 365 Gramm bin ich bereit mitzuschleppen. Überdies können die Laptops zu viel. Ich will unterwegs nur tippen; kein Internet, kein Office, kein Bill Gates. Wenn ich wieder zu Hause bin, pumpe ich meine Texte gerne per Kabel oder Gartenschlauch in den großen Computer herüber; das muß ja gar nicht über Funk geschehen. Es gibt Handies (nein, Handys; sprich Händüs?) mit vollständiger Tastatur; das geht in die Richtung, nur ist die Tastatur so klein, daß man sie für mehr als ein Paar Sätze nicht benutzen kann. Ein Ding in der Größe von einer Fünferpackung große Zigarren will ich, das in die Länge ausgeklappt werden kann. Eine brauchbare Tastatur hat nun mal eine gewisse Breite. Zederholz muß nicht sein.
Früher habe ich immer mit dem Füller geschrieben, aber der Computer hat mich verändert.

Montag, 5. September 2005, Schreiben, neu
Jetzt gibt es etwas Eigenartiges. Ich arbeite an dem neuen Buch, plane, ordne, schreibe ab und zu Teile, es geht gut. Da plagt mich aber das Gefühl, daß ich nicht arbeite. Diese Art von Arbeiten war doch immer leiden? Aber ich leide jetzt nicht; es macht mir sogar Spaß.

Donnerstag, 1. September 2005, Schreibangst, noch/wieder?
Der Artikel, den ich schreiben mußte und der mich so lange beschäftigt und gelähmt hat, ist längst weggeschickt. Vielleicht ist es nicht gut geworden, was weiß ich. Im September bekomme ich Druckbogen; dann habe ich noch die Gelegenheit, die schlimmsten Schwachstellen auszubessern.
Aber das Schreiben geht weiter, und eine bescheidene neue Lähmung macht sich schon bemerkbar, obwohl die jetzt noch als Urlaub zu tarnen wäre.
Was steht jetzt an? Ein Paar kurze Beiträge für das Literatur Lexikon, auf Deutsch sogar. Das werde ich schon noch hinkriegen.
Dann aber das Buch, das ich dem holländischen Verleger versprochen habe. Darauf habe – hatte? – ich richtig Lust.
In den nächsten sechs Wochen habe ich dafür Zeit, also schreibe es jetzt! Habe doch schon wieder einige Zeit verplempert. Die Arbeit ist längst nicht so schwer wie der Artikel; sie sollte sich eher wie die am Weblog anfühlen, was gar keine Arbeit ist!
Ich habe nun mal Schreibangst, oder nennen wir es allgemeiner: Leistungsangst. Die soll irgendwo hin, und die Gefahr besteht, daß sie sich an ein neues Projekt haftet, egal welches. Andere Beschreibung: ich habe auf etwas Lust, verwandle die Lust dann in eine Pflicht, die ich darauf dringend sabotieren muß. Hauptsache, ich bringe nichts zu Stande. Schön wäre es, wenn ich mich diesmal austricksen könnte. Z.B. indem ich dieses ganzes Ding nicht an mein Lustprojekt kupple, sondern an etwas anderes, an eine andere Pflicht.

Montag, 16. Mai 2005, Versagt?
Es ist 9.45 und ich habe gerade unaufgefordert einen 550 Wörter langen Beitrag für eine Tageszeitung geschrieben und eingeschickt. Er wird wohl gedruckt werden, weil man mich dort kennt.
Warum? wo ich doch heute meine letzte Kräfte hergeben soll für den anderen Artikel, den ich wirklich schreiben muß, und der noch immer nicht fertig ist? Wahrscheinlich gerade deshalb. Die Pflicht kotzt mich so an, daß ich mir eine Prise Freiheit genommen habe. Weil ich schon seit Tagen schreibe, war ich richtig in der Stimmung und kam das Ding für die Zeitung schnell voran. Wenn ich es jetzt durchlese, find ich es gut.
Der Liefertermin für meinen großen Artikel, also heute Abend, ist nicht mehr erreichbar. Ich muß noch vier DIN A4 Blätter voll machen, und dann noch die Schlußredaktion, Englisch-Korrektur usw.
Also muß ich, sobald Amerika aufwacht, Jane anrufen. Ich vertraue, daß sie als erfahrene editor klammheimlich noch einen extra Termin hinter der Hand hält. Wenn nicht, dann sitze ich in der Bredouille, was immer das auch sei; oder ich muß (wie die Deutschen zur Zeit der Kohlenheizung?) Asche auf mein Haupt streuen. Das wäre jetzt Schade, denn der Artikel wird doch recht gut.
Sei mal ehrlich: findest du es nicht herrlich, Jane dein Versagen mitteilen zu müssen? Dann kann sie dir wieder vergeben.

Sonntag, 15. Mai 2005, Schreibangst, Reste
Es mußte noch ein Artikel gelesen und eingearbeitet werden. Gestern schien das eine Riesenaufgabe, weil der Stoff mir äußerst schwierig vorkam. Heute morgen jedoch habe ich das Ding beim Frühstück gelesen; es war weder besonders schwer noch wichtig. Also, hier hatte keine Schreibangst vorgelegen, sondern ein plötzlicher Verlust des Selbstvertrauens. Aber das war schon der Punkt gewesen, wo die Stagnation einsetzte.
Andauernd hüpfe ich von Absatz zu Absatz. An einer gewissen Stelle wird die Spannung zu groß, oder das Selbstvertrauen schrumpft. Dann schreibe ich an einer anderen Stelle schnell weiter. Oder es ist wieder die Sache mit der Pflichtarbeit. Jetzt ‘muß’ ich Absatz X zu Ende schreiben; das ist meine Pflicht und daher unerträglich. Also überrasche ich mich und gönne mir auf einmal das Weiterarbeiten an Absatz Y, der in dem Augenblick nicht wie eine Pflicht anmutetet.
Alles Selbstbetrug, aber so lange es funktioniert…
Kommentare Helen Berg: am 17. Juli 2005 um 13:17
Das ist eine der interessantesten Seiten, die ich je im Netz gefunden habe.
Ich habe aus Spielerei „Schreibangst“ eingegeben, weil ich spüre, dass ich Geschichten schreiben muss, wenn ich nicht innerlich zugrunde gehen will und es aber nicht tue, wahrscheinlich weil ich Angst davor habe, das Ergebnis könnte schrecklich sein.
Mir gefällt die Ehrlichkeit dieser Seiten und gefallen auch viele Gedanken, wie z.B. dass Europa auf den dritten Rang (oder wer weiß schon genau wohin) wirtschaftlich gesehen rutschen wird . ich nehme an, du hast eher einen globalen Blick auf die Dinge, den ich oft in meiner Umgebung vermisse.
Und ich finde es interessant so eine seite zu gestalten. Machst du das selber? Was für eine Bedeututng hat so ein Sicherheitscode?
Ich: am 20. Juli 2005 um 01:53
Bei Schreibangst ist gerade ein Weblog ideal. Es passiert nichts, daß man befürchten muß; zur gleicher Zeit kann man ein bißchen probieren, wie es wäre, wenn man in die Öffentlichkeit treten würde. Das fühlt sich doch anders an, als auf dem eigenen Notizblock zu kritzeln.
Und sollte das Ergebnis tatsächlich schrecklich sein: einfach wieder aufhören. Nichts gewesen, niemand zu Schade gekommen. Aber nicht zu schnell aufgeben; man soll sich schon eine längere Testperiode gönnen.
Die Gestaltung eines Weblogs wird größtenteils von dem Anbieter vorgegeben. Mann kann aus verschiedenen Mustern wählen und bloß noch seien Texte in die Vorgabe „gießen”; es ist ein Kinderspiel, und dazu kostenlos.
Die Frage zur „Sicherheitscode” verstehe ich nicht.

Samstag, 14. Mai 2005, Schreibangst?
Gibt es sie noch, die Schreibangst? In den letzten Tagen weniger, unter dem absurden Termindruck verdrückt sie sich. Keine Zeit für Angst. Was aber noch immer nicht gelingt, aber vielleicht ist das gar nicht schlimm, ist morgens früh gleich mit der Arbeit anzufangen. Eigentlich fange ich erst um zwölf Uhr Mittags richtig an. Ich stehe früh genug auf, daran liegt es nicht. Der Morgen ist aber für mich, nicht für die Pflichtarbeit. Zeitung lesen, Korrespondenz, herumlungern, gedankliche Vorbereitung auf das, was ich heute schreiben soll, aber ich schreibe gelegentlich auch Sachen die ich nicht schreiben muß, sondern will. Gerade heute früh ein Miniaufsatz über Kolonialpolitik; vielleicht ist es nichts wert, aber mir war danach. Der Morgen ist für mich, ob das nun erlaubt ist oder nicht. Erst wenn das Ich ausreichend gestärkt und gepflegt worden ist, kann ich mich mit etwas Selbstvertrauen an die Pflichtarbeit setzen. Das Ergebnis ist, daß ich dann bis Mitternacht daran sitzen muß, aber das stört mich nicht.
Pflichtarbeit ist ein lästiger Begriff. Weil niemand mir Befehle erteilt, hat jede Pflichtarbeit einmal als freiwillige Arbeit angefangen. Eine Redaktion, ein Verlag fragt, ob ich etwas schreiben will. Ich stimme zu, wenn das Thema mich interessiert, und freue mich auf die Arbeit. Wenn ich aber eine Zeit lang daran/darauf sitze, wird es eine Pflicht. Es gibt einen Liefertermin, es gibt Erwartungen und Bedingungen. Dann will ich nicht mehr; aber dann muß es.
Gestern wollte ich um sieben Uhr mit einigen Leuten essen gehen. Es ist klug, an Arbeitstagen wie diesen eine angenehme Ablenkung zu organisieren. Der Mensch ist ja keine Maschine; etwas Erfreuliches muß sein; um so mehr weil noch einige weitere Tage Hausarrest folgen. Kurz vor sieben geriet ich in einen Arbeitsrausch, natürlich gerade weil ich diesen Termin hatte. Dann wurden in ganz kurzer Zeit einige Absätze fertig, über die ich recht zufrieden war. Als ich sie nach dem Essen jedoch wiedersah, fand ich sie nicht gut. Wenn ich nun wirklich ein Grübler wäre, würde ich darunter heftig leiden; tue ich aber nicht. Einfach wo anders anfangen; ich hüpfe ja eh von Thema zu Thema, von Absatz zu Absatz, und irgendwann gibt es mit Gottes Hilfe ein Ganzes.

Sonntag, 8. Mai 2005
21.30. Die Schreibangst hält sich momentan in Grenzen. Ich kann sie mir auch kaum noch leisten, denn der Liefertermin steht fest. Dann habe ich noch Glück, daß nächste Woche Pfingsten ist, dann kommt noch Pfingstmontag dazu. Vielleicht bin ich am Dienstag krank … .
Ein zentraler Teil des Artikels wird heute fertig werden. Allerdings nicht in Schlußredaktion, denn der ganze Abschnitt ist brandneu. Typisch ich: ich hatte total vergessen, diesen Abschnitt zu schreiben! Aber es wird.
Merkwürdig, wie immer, der Tagesverlauf. Erst mal bis 12.00 Uhr vertrödelt, eingekauft, Kaffe getrunken, in einem Roman geblättert. Dann am Nachmittag ein langsamer Start, mit anfangs dünnen Ergebnissen. Jetzt aber läuft es gut. Und wie immer: die Struktur kreiert sich selbst. Es wird um 1.00 fertig werden schatze ich. Oder vielmehr: dann gehe ich ins Bett. Der Rest läuft unter Schlußredaktion.

Sonntag, 1. Mai 2005, Angst vor dem Vollenden
Am 15. Mai muß ich endgültig meinen großen Artikel abliefern. Weil ich den gestrigen Tag völlig verplempert habe und die Zeit jetzt dringt, hat die Seele sich offensichtlich entschieden, mir einen Traum zu senden. Im Traum bot mir meine gute Freundin und Kollegin R. an, mir zu helfen mit dem „Aufbau und der Fragestellung des Artikels“; ja, in genau diesen Wörtern.
Eine Frau, die sich in meine Arbeit einmischt kann ich generell gut gebrauchen. Aber wie kann die Seele so daneben liegen? Denn mit Aufbau und Fragestellung habe ich überhaupt kein Problem! Mein Text ist kristallklar durchstrukturiert und weist eine Fülle von Problemstellungen und Vorschläge zu Lösungen auf. Auch die Angst vor dem Weltpodium, die ich anfangs schon hatte, ist längst verblaßt. Welches Problem bleibt dann noch übrig?
Vielleicht hat der Traumlieferant, der natürlich mit meinem wahren Problem vertraut ist, mir absichtlich einen irreführenden Traum geschickt, damit ich noch mal richtig nachdenke.
Jeden Abschnitt schreibe ich fast zu Ende, das heißt: alles steht darin, was darin stehen muß, und noch etwas mehr, sodaß ich nur noch streichen und etwas schärfer strukturieren muß. Der Feinschliff fehlt, das ist alles. Pro Abschnitt brauche ich dazu ungefähr eine halbe Stunde, mehr nicht, und so eine Schlußredaktion vornehmen kann ich eigentlich gut. Es gibt nur wenige Abschnitte, die noch gar nicht geschrieben worden sind.
Das Problem ist also nicht all zu riesig; warum dann wieder so ein Tag wie gestern? Das war eine Hängepartie: Ziel war erst mal, einen fast fertigen Abschnitt zu Ende zu bringen. Als ich um 20.15 fast so weit war, damit anzufangen, rief C. an: wollten wir nicht irgendwo ein Glas trinken gehen? Ich habe ja gesagt, denn allein zu Hause sitzen und unglücklich sein ist auch ungesund.
Der Grund dieser Lähmung ist: meine beiden Eltern haben mir von Kindesbein an eingetrichtert, daß ich nichts kann und zu nichts tauge. Deshalb kann ich „nie“ etwas zu Ende bringen, etwas fertig schreiben. Daß es manchmal doch noch gelingt, hat mir wenigstens eine halbe Karriere beschert, aber diese hätte erheblich glänzender sein können.
Ich weiß das mit den Eltern schon lange, dank einem Therapeuten. Aber das Wissen ändert nichts an diesem Patt. Oder doch: es ermöglicht mich, letztendlich Gedankengänge wie diese zu haben, die mich wieder für eine Weile retten. Aber diese frühe Programmierung werde ich wohl nie mehr richtig los werden.
Nun, für heute ist wenigstens die Luft geklärt.

Sonntag, 24. April 2005, Druck
Also, endlich. Jane hat böse angerufen, wo doch mein Artikel bleibt, und wenn es jetzt nicht bis Mai kommt, könne ich es überhaupt irgendwo hinstecken usw. So geht es gut. Jetzt werde ich es dann zu Ende schreiben. Es sieht so aus, ich brauche diesen Druck.

Sonntag, 17. April 2005, Geschmack der Leser
Wenn ich für die Öffentlichkeit schreibe, korrigiere ich rigoros: Inhalt, Sprache, Stil, sogar die Kommaschreibung. Und dann kommt noch ein Lektor oder eine Redaktion, die dasselbe noch mal machen. Aber in diesem Weblog filtere und korrigiere ich nicht was ich schreibe; das ist doch gerade der Spaß daran. Dazu kommt noch, daß Deutsch für mich eine Fremdsprache ist. Die Folge ist, daß die Qualität meiner Herzensergießungen nicht gleichmäßig ist: mal was gutes, mal Schwachsinn; das sehe ich selbst natürlich auch, wenn ich es noch mal durchlese. Nun habe ich mal die Seite „Statistik” aufgeschlagen. Dort gibt es u.a. eine Rubrik, in der man sehen kann, welche Seiten die Leser am meisten abgerufen haben. Und siehe da: die Texte, die ich selbst die besten finde, lesen auch die Leser am liebsten!

Montag, 11. April 2005, Frauen und meine Arbeit
Die zähe Aufgabe, einen lästigen Text noch mal umzukrempeln machte mich fast krank. Bis Frau C. sich bereit erklärte, ihre geschultes Auge mal darüber gleiten zu lassen. Wir hatten einen flotten und angenehmen Arbeitskontakt. Ich arbeite jetzt weiter quasi für sie. Eine grundfalsche Motivierung, ich weiß; es wird mir aber Wurst sein. Es funktioniert mal wieder; der Text wird jetzt echt gut, er kommt jetzt flott voran und wird bald fertig sein.
Auch den lange Artikel, an dem ich sitze, schreibe ich, weil eine Frau, die Redaktorin einer Zeitschrift, mich darum gebeten hatte. Ich mache es für sie. So hätte ich noch mehr Beispiele. Es sind oft Frauen, die mich in Gang bringen, meine Kräfte entfesseln. Das war mir längst bewußt, aber ich hatte es nicht weiter durchdacht.
Jetzt ist wieder etwas mit Frau und Arbeit. Frau L. hat drei Wochen Urlaub genommen, davon sind jetzt zehn Tage vorbei. Sie hat das seit Jahren nicht getan; bis jetzt war sie eine richtige Urlaubsmuffel. Ich vermisse sie, obwohl ich nichts Privates mit ihr habe. Aber Frau L. ist die Seele unseres Instituts. Das fühlt sich jetzt entseelt an, wie früher mein Elternhaus wenn meine Mutter nicht da war. Frau L. spielt für mich offenbar die Rolle der Mutter in dem „Haus”, das das Institut ist. Aber nur in dieser Hinsicht; sonst überhaupt nicht. Frau und Haus.
So kommt jetzt die Frage auf, ob die anderen Frauen nicht auch meine Mutter sind. Meine richtige Mutter hat mir oft gesagt, ich soll dies oder das tun, aber das sagte sie rein mechanisch, ohne Interesse in dem, was ich wirklich tat oder nicht. Die Ergebnisse interessierten sie nie. Sie war ja eh fest davon überzeugt, daß ich nichts gut tun würde, und so war das dann auch. Von dieser Lage ist mir offensichtlich geblieben die Figur der befehlenden, Frau, der ich gefallen soll; jedoch jetzt bringe ich schon etwas zustande. Aber würde ich das ohne Frau auch schaffen?
Ich bin wohl nicht der einzige. Die ganze Chose erinnert mich an P., die hinter einander zwei Fachkollegen geheiratet hatte. Von dem ersten hat sie sich nach einigen Jahren scheiden lassen; der andere ist verstorben. Aber diese Kollegen haben in der Zeit, daß sie mit ihr zusammen waren, arbeitsmäßig eine richtige Blütezeit gehabt.
Kommentar von Stolle.
Schade, ich hätte gerne Deinen Eintrag zur Rolle von Frauen in Deinem Berufsleben kommentiert – das kenne ich nämlich.
Einer hat mich mal so kommentiert:
Du hast da eine Fähigkeit, Frauen für Dich arbeiten zu lassen….
Das fand ich doch sehr ambivalent.

Sonntag, 3. April 2005, Rückblick
Also, drei Monate habe ich jetzt Blog geführt, und es gefällt mir. Ich sage was ich denke, was ich sonst nicht überall darf, wenigstens nicht schriftlich. Natürlich, die Sprache und Gestaltung bleiben rudimentär. Anfangs dachte ich noch, daß ich eines Tages alles korrigieren würde; tue ich aber nicht. Und der Gehalt von dem was ich schreibe ist auch nicht das allerhöchste; aber das gilt für das Internet generell. Es ist interessant, was es zu bieten hat, aber die Welt des gedruckten Wortes kann es keineswegs ersetzen.

Mittwoch, 2. März 2005
Der geneigte Leser hat es längst durchschaut: Ich labere und labere, nur weil ich eigentlich etwas anderes, seriöses niederschreiben soll, und das nicht fertig bringe. Stimmt! Aber heute war ein guter Tag: ziemlich viel am Artikel geschrieben. Nach Abzug von überflüssigem Kram und Komprimierung bleiben davon übrig: 500 Wörter pure Wissenschaft. Das ist ein Zwanzigstel des ganzen Artikels.
Nebenbei am Weblog kritzeln lenkt ab. Ja, es kostet etwas Zeit, aber es nimmt auch den Druck vom Kessel, so daß ich letztendlich doch besser arbeite.
Jane hat noch nicht angerufen. Aber sie hat eine freundliche mail geschickt: ob es vielleicht am 1. März geliefert werde könnte?
Nun war Februar ein unerwartet kurzer Monat. Der 7. März wird wohl auch noch gehen, oder?

Wäre nicht das Weblog, ich würde das alles nicht niederschreiben. Die Welt wäre davon nicht ärmer geworden; aber ich! Der Gewinn ist bescheiden, aber real.

Sonntag, 6. Februar 2005, Schreibangst 2
19.25 Uhr. So schnell geht das auch wieder nicht. Erst mal Inventar gemacht von dem was ich schon geschrieben hatte. Vieles davon ist einfach brauchbar.
20.45 Uhr. Mit dem Abspecken wird es so nichts werden. Gerade die ganze Wohnung leer gegessen und zwei Gläser Rioja getrunken. Gott sei Dank hatte ich nichts zum rauchen da.
21.55 Uhr. So, die Spannung ist gebrochen. Von einem gar nicht üblen Abschnitt, der schon existierte, die Schlußredaktion vorgenommen, und das Englisch korrigiert, in soweit ich es selbst kann. Fertig. 285 Wörter, von den 10.000 die es groß werden soll. So werde ich gleich noch eine Seite machen. Das ist natürlich nicht arbeiten im eigentlichen Sinne; es ist ziemlich sekundär, eher Büroarbeit. Aber es muß eh geschehen und es führt mich wenigstens wieder in die Thematik hinein. Der große Wurf kommt vielleicht erst nach dem Kurzurlaub.
22.25 Uhr. Microsoft Word fing auf einmal an, meinen Text rückwärts auf zu essen, Buchstabe nach Buchstabe. Der Prozeß ließ sich nur durch schließen der Datei stoppen. So mußte ich einige Sätze nochmals eingeben; zum Glück wußte ich sie noch. Vielleicht ist mein Artikel nicht so ganz wunderbar, aber Mr. Gates soll sich daraus halten!
23.07 Uhr. Noch einen Passus endredigiert, 275 Wörter. Für heute reicht es. Ich bin wieder ganz drin, das ist erst mal das wichtigste.
Es ist klar, wenn so ein Weblog im Hintergrund mitgeschrieben wird, ist das eine Unterstutzung für die wankelmütige Seele. Bei Gedichten funktioniert es wohl nicht, aber bei einem Artikel schon.
Ja, darum dreht sich doch das ganze Gezappel und Gegrübel: Wankelmut, Mangel an Selbstvertrauen bei der Arbeit. Aber das gehört sich wahrscheinlich so: jemand der das nicht hat, der selbstgefällig schreibt, produziert wohl unlesbares.

Samstag, 5. Februar 2005, Schreibangst
Also dann. Bis Montag nichts für die Universität zu tun. Das Arbeitszimmer aufgeräumt. Nachschlagewerke und Sekundarliteratur bereit gelegt. Eine Kanne Ingwerwasser gekocht, zum feucht bleiben. Eine Fluchtroute vorbereitet: wenn die Spannung zu hoch wird, werde ich mir kurz den Liebesroman Aschwâk von Sayyid Qutb ansehen. Mal sehen, ob auch dieses Werkchen meine Vermutung bestätigt, daß Fundamentalismus auf Sexualangst zurück zu führen ist. Oder mindestens immer damit einhergeht.
Aber das Hauptanliegen bleibt: an meinem Artikel über die Verbindung zwischen Koran und Prophetenbiographie zu arbeiten. Sonst wird Jane böse, und noch abgesehen davon, ich würde mich schämen. Bis morgen 13.00 habe ich Zeit; dann steht ein Waldspaziergang mit N. an.

Dienstag, 1. Februar 2005
Sex gehabt. Darüber darf ich jedoch nicht unbefangen schreiben, denn in den Nutzungsbedingungen wird obszönes und pornographisches verboten. Wo ich jetzt besser verstehe was Weblogs sind und wie durch Suchmaschinen die Inhalte in die ganze Welt kommen, leuchtet das auch ein.
Ich hätte schon das Bedürfnis, ein erotisches Tagebuch zu führen. In der Wohnung meines Freundes W., der verunglückt ist, wurden nach seiner Beerdigung Tagebücher entdeckt, 12 Bände von je 365 Seiten, größer als DIN A4. Zwölf Jahre lang hatte er jeden Tag sein Sexualleben beschrieben. Mal mehr, mal weniger natürlich. An manchen Tagen war soviel da, daß er ganz klein schrieben mußte, denn er hatte sich als Aufgabe gestellt, nie mehr als eine Seite zu füllen. Von diesen 365 x 12 = > 4000 Seiten habe ich einige Hunderte gelesen. Es war faszinierend. Mal eine Wichsfantasie, mal eine spannende ‘Verfolgungsjagd’, oder auch einfach Frust. Nicht alles Weltliteratur, aber über ein Gebiet, von dem wir so wenig wissen als das menschliche Sexualverhalten, muß man einfach etwas zu lesen haben. Aber welcher Verlag würde je so etwas drucken? Sex ist uns allen sehr wichtig, das ist bekannt, aber unpornografisch, unbefangen und vollkommen ehrlich darüber schreiben und es dann veröffentlichen scheint immer noch schwer zu sein.

Ich habe in Zeitschriften und Tageszeitungen veröffentlicht (nein, nicht auf Deutsch natürlich), bin dafür sogar bezahlt worden, wenn auch nicht fett, und ich könnte weiter machen so. Aber Zeitschriften und Zeitungen haben wohl nicht die Zukunft. Es ist also wirklich an der Zeit, das Bloggen auszuprobieren. Es ist die neue Öffentlichkeit. Neben viel Unsinn könnte hier auch wunderbares, erstklassiges gedeihen. Allmählich verstehe ich ein wenig, wie es funktioniert; obwohl es schwieriger ist als ich dachte. Liest die CIA gleich mit oder erst später?
Allerdings verstehe ich nicht alles. Einige Weblogs, die laut Statistik zu den allerbesten gehören sollen, finde ich total uninteressant, wenn ich auch zugeben muß, daß sie die technischen Möglichkeiten sehr gut ausnutzen.
In einer Hinsicht ist das Weblog nicht das bessere Medium. Bis jetzt ist es so, daß gute Bücher, aber auch Spitzenprodukte der Journalistik (aus Le Monde oder New York Review of Books zum Beispiel) in viele Sprachen übersetzt und in vielen Ländern zugänglich gemacht werden. Weil es dafür einen Markt gibt. Ein Weblog wird wohl nie übersetzt werden, bleibt also innerhalb der Sprachgrenzen, trotz weltweiter kostenloser Verfügbarkeit in Sekunden. Good-bye, Rest der Welt! Oder wir müßten alle auf Englisch oder gar, die Zukunft vorwegnehmend, auf Chinesisch schreiben.

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