Archief 2005–2006

Dienstag, 26. September 2006, Iglesias, Sardinien
Acht Jungs um die 15 Jahre spielten Fußball im Stadtpark. Dann geriet der Ball in einen Baum. Die Acht hielten Rat, warfen vergebens mit Gegenständen, liefen weg und blieben weg. Keiner kam auf die Idee, in den Baum zu klettern. Der Ball steckte auf 4, 5 Meter Höhe, mehr nicht, und der Baum sah gut erkletterbar aus. Fast hätte ich ihnen angeboten, das Ding zu holen. Aber so etwas habe ich seit vierzig Jahren nicht mehr getan, und ich fürchte, daß der Körper nicht mehr mitwirkt.
Der deutsche Faschismus hat meines Wissens nur häßliches hervorgebracht. Beim italienischen Faschismus war das aber anders. Das Eingangstor des Campo Sportivo Monteponi in Iglesias sieht schon appetitlich aus. Finde ich wenigstens. Vielleicht haben ältere Italiener schlimme Assoziationen an diesem Stil. Aber wenn man dem Ding an Sich unbedarft gegenüber stehen kann, muß man sagen: lecker! Ich hatte diesen Stil zum ersten Mal in Tripoli (Libyen) kennen gelernt.

Montag, 25. September 2006, Cagliari, Sardinien
Zum ersten Mal mit so einer Billigfluglinie geflogen, ab Stuttgart. Ich muß sagen, es war in Ordnung. Die Befürchtung, daß der ganze Flieger voller johlenden Badetouristen sein wurde, mit Mützchen und so, hat sich nicht bewahrheitet. Etwas weniger Beinraum und kein Brötchen. Nun, auf das Lufthanseatische Brötchen kann ich gerne verzichten. Alles andere nimmt man gerne hin, in Anbetracht des lächerlich niedrigen Preises. Die gängigen Fluggesellschaften fliegen nämlich nicht direkt nach Sardinien, und bei Umsteigen in Mailand oder Rom geht der Koffer garantiert verloren.
Cagliari ist eigentlich das Bratislava des Mittelmeers, also der Inbegriff einer Stadt wo ich nun wirklich nichts zu suchen habe. Und gerade deshalb bin ich nicht gleich nach Nordsardinien, wo ich etwas zu tun habe, sondern wollte ich diesen kleinen Umweg machen. Seit meiner Kindheit suche ich immer nach Sinnfreies.

Mittwoch, 13. September 2006, Jetlag
Die Gedanke, nach San Francisco fliegen zu müssen, wo ich für eine Konferenz eingeladen bin, und dann wieder zurück, ist mir zuwider. Ohne Zweifel werde ich nach so langem Flug kaputt sein, besonders nach der Zurückreise.
Aber nein, darum geht es doch gar nicht. Wie wäre es denn, wenn ich nach Bangkok oder Kuala Lumpur eingeladen worden wäre? Das ist auch zehn, zwölf Stunden fliegen, und der Jetlag würde mich kein Augenblick beschäftigen!
Im Grunde genommen sind es die Vereinigten Staaten, die mich anekeln. Ich will nicht nach Amerika. Dieser Kontinent hätte von mir aus unentdeckt bleiben können.
Kommentar:
Bin nicht hingeflogen, 4.2.2007

Sonntag, 2. April 2006, Neckar
Ein bißchen mit Freunden am Neckar gewandert.
Schöne Augenblicke:
– Überfahrt mit Fähre (Ruderboot) bei Neckarhausen
– Dilsberg, liebliche kleine Ortschaft innerhalb von Mauern. Ausblick.
– Schönes Essen in Gasthof Linde in Dilsberg. Gasthof ohne den Anspruch der ‘gehobenen’ Küche, aber hervorragend! Auch der Wein und der Kaffee prima.

Sonntag, 4. September 2005, Babenhausen
Babenhausen (Hess). Ein Städtchen, das vieles hat: Stadtmühle, Teile der Stadtmauer, Reste von Türmen, viele Fachwerkhäuser und ein Schloß. Das Schloß ist schön, aber verfallen: man riecht die verfaulten Fundamenten; eine Grundsanierung ist nötig. Das Übrige ist in guter Verfassung. Aber was fehlt in diesem Städtchen ist Selbstvertrauen, der Wunsch zur Selbstdarstellung. Mit diesen Attributen hätte es doch viel mehr aus sich machen können?

Sonntag, 28. August 2005, Amsterdam
Als ich vor neun Jahren nach Deutschland kam, fiel mir als negatives Merkmal auf die deutsche Neigung, im Gespräch alles persönliche auszuklammern. Wo ich jetzt in Amsterdam gerade das Gegenteil erlebt habe, ist aber das wieder gewöhnungsbedürftig. Es fing schon an im Hotel, wo der freundliche und aufmerksame Frühstückskellner mir allerhand persönliches abgefragt hat. Beim Verleger war es noch ausgeprägter. Er hatte mich gestern nicht in sein Büro, sonder abends bei sich zu Hause eingeladen, zum Abendessen, das er selbst kochte. Seine Frau war auch da und noch ein Fachbruder/Übersetzer. So aßen wir zu viert; inzwischen wurden noch zwei junge Teenager betreut. Das roséweinübergossene Tischgespräch war ein zunehmend heiteres Gemisch aus persönlichem und … nein, geschäftlichem noch nicht; das mit dem Vertrag wird noch separat kommen. Aber in verspielter Weise wurde auch das Buch entworfen, das ich ihm bieten könnte und das er haben will. Leichter und lustiger als ich es mir vorgestellt hatte darf es werden; die Idee, die letztendlich ich vorgeschlagen habe, als ich meine Scheu etwas abgelegt hatte, ist dann doch nicht eine Sammlung Aufsätze, sondern eine Art Pseudo-Enzyklopädie über arabisches, nahöstliches und islamisches. Als Muster schwebte mir eine schweizerische Zeitschrift vor Augen, ‘du’ hieß die glaube ich; eine Nummer von zwei, drei Jahren her, die ich natürlich nicht mehr habe. Ist auch egal; es muß ja nicht genau so aussehen. Es soll ein überraschendes, austricksendes Ding werden, eine Entschärfung, mit viel zum Lachen. Nicht noch mal dasselbe, was schon in den Islameinführungen steht, die auch in Holland haufenweise in den Läden liegen (übrigens dort auch auf Englisch). Aber schon sehr gut untermauert natürlich, denn kontrovers wird es fast selbstverständlich. Über den Kopftuch/Schleier, ein Thema, das mich allmählich wirklich ankotzt, gedenke ich zur Abwechslung mal ein Lemma über den Schleier als Männertracht anzubieten; den hat es ja auch gegeben. Das Ding müßte ja eh öfter von Männern getragen werden; und von Frau Merkel natürlich. 250 Seiten darf ich vollschreiben, in zwei Spalten. Es darf sogar illustriert sein. Na also.
Es gibt auch schlechtes in Holland: die Bausubstanz, das Brot, die Enge, die U- und Straßenbahnen. Aber die Menschen, die ich jetzt getroffen habe, sind frei, offen, konstruktiv. Sehr angenehm.
Über Holland sollte das Buch dann eventuell nach Deutschland importiert werden. Ich hatte ja kürzlich ein hohes Verlagstier in Frankfurt gefragt, ob ein leichtsinniges Buch über islamisches usw. hier in Deutschland überhaupt eine Chance hätte. Die Antwort kam prompt: nein, wenn es von einem Deutschen geschrieben ist nicht; aber schon wenn es aus einer anderen Sprache übersetzt wird!

Samstag, 27. August 2005, Amsterdam, noch etwas
Holland sieht momentan reich aus, alles glänzt und ist oder wird gerade erneuert und erfrischt und erweitert. Auch hier gibt es das Problem der stagnierenden Binnennachfrage, aber die Regierung will 2.5 Milliarden zur Verfügung stellen um etwas daran zu tun. Nach deutschen Verhältnissen hochgerechnet wären das 12,5 Milliarden! So etwas kann man sich in Deutschland gar nicht mehr vorstellen.
Inzwischen sind die Preise sehr hoch; es ist schon fast Norwegen.

Samstag, 27. August 2005, Zandvoort, NL
Ein herzhaftes, lebensfrohes Licht herrscht hier am Meer, aber kritisch ist es auch: es vertuscht kein Verfall, keine Armseligkeit. Kurvige Wolken zum Reinbeißen, in schneller Abwechslung vorbeikommend.
Meinen alten Freund W. besucht, der Zandvoort als sein Alterssitz gewählt hat. 82 Jahre alt ist er jetzt und von mehreren Qualen geplagt. Er meinte selbst, daß es jetzt schon sehr deutlich abläuft. Aber welch eine Lebenslust noch! Sein Buch will und wird er wohl noch zu Ende schreiben; danach kommen, wenn es nach ihm geht, noch persönliche Memoiren. Sexuell ist er auch noch aktiv, wie er mir anvertraute.
Bin mit W. mit einkaufen gegangen. So kamen wir in einen Gemüseladen, wo mindestens zwanzig Behälter mit Gemüse und Obst standen, die mehr oder weniger vorbereitet waren. Die Kartoffeln waren geschält, die grünen Bohnen waren gereinigt und geschnitten, Salate und Obstsalate waren fertig, verschiedene Eintöpfe standen Mikrowellefertig, und so weiter. Hier hat wohl niemand Lust, selbst in der Küche tätig zu werden.

Samstag, 12. Februar 2005, Zittau
Heute regnet es stark, und es wird nicht mehr aufhören. Es gibt so Tage. Was soll ein Tourist dann machen? Jawohl, ich habe trotzdem mit Regenschirm einen Stadtspaziergang gemacht, aber es war richtig kalt. Lange Kaffee getrunken. Läden und Kaufhaus geguckt. Das ist Unsinn, denn die gibt es zu Hause auch. Idee: eine Zugfahrt! Also nach Zittau, das ist mal was anderes.

Ein kleiner privater Zug, modern, tadellos, warm. Die Landschaft ist nicht spektakulär, aber es macht mir noch immer Spaß, die Welt aus einem Zugabteil zu beobachten. Und interessant wurde es dann doch noch: die Trasse wechselt zwei Mal den Ufer. Die Neiße ist nicht breit, aber Uferwechsel bedeutet, daß man in Polen ist. Dort gibt es gleich mehr Schnee, so scheint es, mehr Schmelzwasser auch. Riesige Schlammfelder bei den Gehöften, die an russische Romane erinnern, wenn sie das Tauwetter beschreiben. Die Landschaft ist wilder, nicht so gekämmt. Zusammengesackte Höfe und Scheunen; eine evangelische Kirche, die nur noch Skelett ist. Insoweit Wohnungen neu angestrichen worden sind, hat man Farben gewählt, die wir uns gar nicht vorstellen können. Dunkelminz? so in etwa.
Ein Halt: Krzewina Zgorzelecka, bitte sehr. Es ist nichts anders als der Bahnhof des deutschen Dorfes Ostritz, das ganze 50 Meter weiter am Westufer liegt. Auf dem Bahnsteig stehen ein deutscher Soldat und eine polnische Soldatin und kontrollieren den Ausweis des achtzehnjährigen Mädchens, das hier aussteigt.
Dann Wald, und dann kommt schon Zittau. Vor der eigentlichen Stadt erst mal viele DDR-Wohnblöcke der besseren Sorte.
Bei diesem unglaublichen Sauwetter reicht mir ein Stadtrundgang von einer Stunde, und das ist verrückt genug. Um 15.07 werde ich wieder zurückfahren. Das Ende der Welt, oder wenigstens Deutschlands; obwohl kleine Dampfzüge (ja, wirklich!) die Existenz noch entlegener Welten andeuten.

Zittau hat eine lange Bahnhofsstraße und das ist sichtlich ein Problem bei der Sanierung der Stadt. Bahn fahren hat keine Konjunktur, in dieser Ecke schon gar nicht; darunter leidet auch die Bahnhofsstraße. Sie ist längst nicht mehr Toplage. Görlitz hat dasselbe Problem, aber nicht ganz so schlimm.
Die kleine, aber attraktive Innenstadt ist besser daran, wenn auch einige gaffende Lücken und bankrotte Läden, sogar am Hauptplatz, zeigen, daß sie sich noch nicht ganz in die Zukunft hinüber gerettet hat. Die Reliefbuchstaben ‘Singer’ an dem Nähmaschinenladen sehen so aus, als ob sie dort in den Dreißigern eins für allemal angebracht waren.
Auch hier wird der Erneuerungsimpuls von der Lage an der Grenze ausgehen müssen, diesmal nicht nur mit Polen sonder auch mit Tschechien. Dreiländereck, der Kanzler hat es ja bei der Osterweiterung besucht. Aber was liegt jenseits dieser Grenzen? Wenn es nur Wälder und Bergen sind, bringt es auch nichts.
Hier gibt es tatsächlich einige Grenzdebilen, die mich gereizt angaffen. Aber die sind schon älter und werden nicht handgreiflich werden. Alle starken Jungs sind wohl beim Dreiländer-Boxturnier, das laut Plakaten gerade jetzt stattfindet. Mit den slawischen Nachbarvölkern findet man schon noch eine gemeinsame Sprache.
Wer in Zittau mal pinkeln muß, und wer muß das nicht bei dieser nassen Kälte, findet verrottete Ruinen und Innenhöfe zuhauf, wo er mal reingehen kann. Ein schöner Ort für eine geile Nummer wäre das, so eine alte Schmiede, aber niemand da.

Das Wetter ist heute nicht mehr zu retten. Warum nicht einfach zurück nach Görlitz ins Hotel, die Badewanne vollaufen lassen und den Rest des Mittags mit Coetzee, Waiting for the Barbarians verbringen? Abends dann ein feines Essen im Hotel, was wohl auch das beste Restaurant der Stadt hat. Luxe, calme et volupté, jedoch in umgekehrter Reihenfolge.

Samstag, 12. Februar 2005, Görlitz
Görlitz ist schön! Das fängt schon beim Bahnhof an, aber die ganze Stadt ist sehenswert. Ein Ensemble richtig schöner Häuser, nicht alles Prachtbauten, auch normale Wohnhäuser von früher. Das sonnige Wetter hilft, mich zu verführen. Wenn ich Arbeit oder sonst einen Vorwand hätte, würde ich hier sofort einziehen.

Sehr niedrige Mieten und sonstige Preise, verführerische Luxusgüter sind nicht vorhanden, einkaufen in Polen: Da lebt es sich gut in Görlitz, auch mit Ostgehalt!

Keine Spur von Reserve Ausländer gegenüber. Nur altmodische Freundlichkeit gespürt, die wohltuend mit der abgebrühten Gleichgültigkeit im Westen kontrastiert.

Wenn ich aus meinem Hotelfenster schaue kann ich den Neißefluß selbst nicht sehen, aber eine Schlucht und dann gleich den anderen Ufer, noch nicht mal 50 Meter weg. Dort ist Polen, das will ich auch noch sehen. Ein Drama für die Stadt, diese Zweiteilung.

Görlitz will sich bewerben als Kulturelle Hauptstad 2010, zusammen mit Zgorzelec an der polnischen Seite. Die Stadt ist vielleicht etwas klein um das zu tragen, aber die Idee dahinter ist hervorragend, denn richtig europäisch! Hier liegen natürlich die Chancen für diese Gegend: die Eröffnung der polnischen und tschechischen Grenze. Wie die Broschüre es sagt: From the middle of nowhere to the middle of Europe. Die Losung stimmt, aber man soll rhetorisch sehr vorsichtig sein. Tatsächlich lag Görlitz früher an der Hauptstraße von Kiew nach Santiago; na, schau mal an. Die Assoziation mit Europakarten in Annoncen für neue Gewerbegebiete soll aber vermieden werden; man kennt sie: Unterhammelbach genau in der Mitte, und von daraus Pfeile nach London, Paris, Rom und Sankt Petersburg.
Ist das ganze nur die Idee eines klugen Oberbürgermeisters? Nein, es sieht so aus, ob die Bevölkerung auch stolz ist auf ihre Stadt.

An die kulturelle Hauptstadt glaube ich weniger, seitdem ich auch die polnische Seite gesehen habe. Kultur, wieso? Ganze drei Stunden habe ich es dort ausgehalten. Leichter Ärger an der Grenze, obwohl ich doch voll überschreitungsberechtigt bin.

Aber dort auch gesehen: Ein Vater mit Töchterchen will zu Fuß nach Polen. Offensichtlich hat er für das Mädchen keine gültigen Papiere. Er will aber nur ganz kurz herüber, um Zigaretten zu holen. Er fragt ob er das Kind kurz bei dem Zollbeamten lassen kann. Der Beamte läßt sie ganz freundlich in sein Häuschen; der Mann rennt herüber und kehrt in wenigen Minuten mit Zigaretten zurück.
So ein Europa mag ich.

Zgorzelec ist nichts anderes als Görlitz-­Ost. Die mindere Seite der Stadt, so wie das oft der Fall ist bei Städten, die an einem Fluß liegen: ein Ufer ist der richtige, der andere verloren. Unkaputtbare deutsche Vorstadthäuser, 1890–1940, aber arg verkommen. Wer jetzt noch einen Film über die DDR drehen möchte, muß nach Polen. Polnische Handwerker haben halb Deutschland renoviert; wenn sie dann endlich nach Hause kommen, sind sie bestimmt zu müde, noch mal bei sich selbst anzufangen. Das einzige gründlich sanierte und gut aussehende Haus das ich gesehen habe, ist ein Bordell.
Jämmerlich ist der Anblick mißratener sozialistischer Wohnblöcke aus den Siebzigern(?). So schlimm war die DDR nie.
Zgorzelec hat kein Herz; kein Wunder, das Herz war ja Görlitz. Jedes Haus in der Nähe des Grenzübergangs ist ein Laden. Weil alles dort billiger ist als in Deutschland kaufen die Deutsche dort ein. Tabak, Waschpulver, Benzin; weiterhin gibt es viele Frisöre und Zahnärzte. EDV-Dienstleistungen, wahrscheinlich auch sexuelle Dienstleistungen, aber die sieht man tagsüber nicht.
Die vulgäre Stimmung des Einkaufens bei großem Preisgefälle. Nach einigen Jahren EU werden die Preise sich angleichen, wie in Südeuropa, und dann ziehen die Zahnärzte wieder weg. Aber davon wird Zgorzelec auch nicht besser. Aus polnischer Sicht ist es wahrscheinlich eh ein Kaff, ein Exil am Rande der äußersten Finsternis.
Kurzum, zur kulturellen Hauptstadt hat Zgorzelec wenig beizutragen. Die Bewohner haben aber wunderbare Chancen. Wo sie früher in eine toten Ecke wohnten, leben sie jetzt neben einer größeren deutschen Stadt, an der sie sich bereichern können, sowohl finanziell als sonstwie.

Es gibt auch viele Sprachschulen. Kluge Zgorzelecker lernen jetzt Deutsch, selbstverständlich. Ich bin aber gespannt, wieviel Görlitzer jetzt Polnisch lernen. Viele werden es nicht sein. Polnisch ist bei weitem keine Prestigesprache, und sogar Englisch halten Deutsche für kaum zumutbar.

Die polnischen Frauen sehen schick oder sexy aus, oder beide; die Männer dagegen proletarisch. Vielleicht sind sie nicht alle Proletarier; es kann eine Sache der Selbstgestaltung sein, ein Trend im life style: Macho-Verhalten nach Arbeiterart. Nicht das Penner und/oder Gangster-Modell, das im Westen grassiert.

Wohlig müde, nach noch einem überlangen Stadtspaziergang könnte ich so einschlafen. Vielleicht soll ich das einfach machen; ich habe doch auch das Recht, mal ganz nichts zu tun?

Warum finde ich Görlitz so schön? Weil es schön ist natürlich, Idiot! Viertausend denkmalgeschützte Häuser, das ist nicht wenig. Und dazu noch die wunderbaren Straßen aus der Gründerzeit.
Der tiefere Grund ist wahrscheinlich, daß ich schon alt bin und hier die fast perfekte Bürgeridylle zurückfinde. Ein schickes Städtchen ohne Häßlichkeit. Alles sieht so aus wie früher, so wie meinesgleichen es gerne hat: keine DDR-Baukatastrophen, kein MacDonald oder andere Mißtöne kapitalistischer Natur. Sogar das Kaufhaus sieht gut aus. Aber es ist doch nur ein Dekor? Da drinnen wohnen Menschen mit schmerzhaften postbürgerlichen Erinnerungen, mit Internet, Handy, VW, Reizwäsche aus Polyester und Topflappen von Tschibo.
Eine Illusion aus 1912 oder 1928, ‘als alles noch gut war’? Vergiß es!

Freitag, 11. Februar 2005, Bautzen
Im Zug. Der Zug fährt schnell, aber Deutschland ist groß, es dauert Stunden bevor ich in Sachsen bin. Es sind nicht viele Reisende da, gerade was ich zum Übergang brauche. Der Zug ist wie ein Tunnel, in dem der Reisende nirgendwo ist. Schön aussehende, aber für mich bedeutungslose Landschaften schieben vorbei; auch Kaffee kommt vorbei. Beim vorigen Besuch an Ostdeutschland, fünf Jahre her, war es noch die Kunst, genau festzustellen wo die alte Grenze war. Jetzt geht das nicht mehr; wahrscheinlich ist sie nur für Eingeweihte noch sichtbar. Die Frage hat auch seine Relevanz verloren.
Ein Nickerchen gefällig? Dann klappe doch mal die Lehne zurück. Alles ist erlaubt, es ist Urlaub, wenn auch mein Kopf noch nicht abschalten kann und sich fragt ob ich nicht mal eine andere Stelle brauche. Bin ich dafür wirklich schon zu alt? Irgend jemand kann vielleicht noch meine Kenntnisse brauchen, und ich reiche sie auch gerne weiter. Aber der Unterricht belastet mich allmählich zu schwer. Es müßte etwas ruhigeres sein.
Ich bin hier ganz allein, und ich will und muß das sein, diese paar Tage. Eventuelle Gespräche an einer Bar oder ein Telefonat werden das allein sein nicht unterbrechen.
Der Wunsch allein zu sein hat auch mir der Arbeitsdruck zu tun. Immer bin ich mit Menschen beschäftigt, so daß in meiner Freizeit der Wunsch aufkommt, mal keine Menschen zu sehen. Oder nur ganz wenige Menschen, der eigenen Wahl.
Dekadent, westlich? Wahrscheinlich. Im Nahost muß man Tag und Nacht zur Verfügung der Familie, der Freunde, derjenigen von denen man sicht etwas erhofft stehen, und Stippvisiten gibt es nicht. Das Beste in Westeuropa ist nicht die Freiheit des Konsums, darauf pfeife ich, sondern die Freiheit des nicht abgezwungenen Umgangs.

Der Mann der im Zug reinemacht ist ein junger Sachse, solide, fröhlich, offensichtlich zufrieden in seinem Job. Im Westen wäre das wohl ein Ausländer gewesen.

Daß H. mich anruft, tut mir gut. Es gibt immer wieder Aussichten auf Erneuerung, wenigstens im privaten Bereich. H. hat angerufen, ein nettes, warmes Gespräch. Purer Luxus; ich kann auch ohne, aber es war nett.

Ob es mit einem anderen Job noch klappen würde? Irgend etwas mit Terrorbekämpfung vielleicht, aber nicht im Außendienst. Das erste Mal seit zehn Jahren lese ich die Stellenannoncen in Der Zeit durch. Viel steht nicht drin; das war früher mal anders.

Oh la la, Bautzen hat es in sich. In Prinzip. Was für ein schönes Städtchen! Im Westen wäre das längst ein ‘Ausflugsziel’ geworden. Aber hier? Der berühmte Dom hat auf von 11–12 Uhr, ‘nach Voranmeldung’. Die Kneipen und Läden sehen einladend aus, aber Kundschaft haben sie nicht. Gut, das Wetter ist miserabel. Und die Einwohner haben bestimmt andere Sorgen als die Förderung des Tourismus. Inzwischen ist doch die Stadt recht schön restauriert; in der Innenstadt brauchen nur noch einige größere Häuser Sanierung. Und ein paar Nebenstraßen.

Von Ausländerhaß oder Skinheads keine Spur. Die Sächsische Zeitung schreibt politisch sehr korrekt. Die Preise sind recht niedrig; mit einem Ostgehalt läßt es sich hier doch gut leben?

Das meiste Leben findet man hier in der zweistockigen, überdachten Ladengalerie, groß und gut. Es war wohl ein Planungsfehler, die 50 Meter von der Altstadt zu errichten, die selbst auch ein recht großes Einkaufsareal hat und jetzt ausgelaugt wird. In dieser Modernität einkaufen und Kaffee trinken, das will man offensichtlich. Wenn das den Leuten wirklich gefällt, dann sei es so; aber diese ganze Galerie kann auch die Aufdringlichkeit eines Projektentwicklers gewesen sein, in einer Zeit, daß man der Bevölkerung noch alles andrehen konnte.

Aber vielleicht mögen die Bewohner diese alten Gebäude gar nicht. Das war nämlich der Fall in Quedlinburg. Ein monumentales Städtchen, Weltkulturerbe, aufwendig restauriert; wohl mit viel Geld vom Bund. Einzug von Kunstgalerien und Antiquariaten, schicke Cafés usw., aber die Bevölkerung paßte nicht so dazu; sie war verärgert und hatte keine Lust, sich verdenkmalschützen zu lassen.
Kommentare
Julia am 4. Juli 2005 um 17:45
sehr toll geschrieben und ziemlich auf den Punkt gebracht. Echt fettes Lob.
am 9. Juli 2005 um 02:58
Danke, Julia!

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