Orientalischer Orientalismus

Bagdad war doch einmal selbst ‘der Westen’? Natürlich, der Westen, als Inbegriff für Kälte, Moderne, Anonymität, Multikulti, Herrschsucht, Überheblichkeit, Globalisierung, Individualismus, Käuflichkeit und alles andere was bedrohlich ist, ist eine Erfindung der deutschen Romantik. Überdies ist ‘der Westen’ ein Negativbegriff, geprägt von Leuten, die selbst nicht in der Lage sind, an diesem ‘Westen’ Teil zu haben. Und gegen das Kalifenreich in seiner Blütezeit (750–1050) hatte niemand etwas. Ja, das Oströmische Reich schon, aber das war aus ganz anderen, altmodischen Gründen.
Aber das Reich der Muslime mit seiner Metropole Bagdad hatte damals die besagten Eigenschaften, die seit 1800 dem (immer wo anders liegenden) ‘Westen’ zugeschrieben werden: Vergrößerung der Ausmaße; Überwindung alter Gegensätze; kluge und flexible Steuererhebung; Integration vieler auch nicht-islamischen Volksgruppen in das große Ganze, eine Vorstufe des Kapitalismus, mit etwas, aber nicht allzu viel Einmischung des Staates, ungefähr wie heute in den USA. Das modernste Reich in weiter Umgebung. Eine Demokratie war es natürlich keineswegs. Aber eine totale Despotie auch nicht, wenn die Kalifen es auch gerne gesehen hätten. Die religiösen Gelehrten waren immer autonom, und der Kalif musste sogar auf sie hören, wenn er Unruhen vermeiden wollte. Minderheiten waren gut daran, ausgenommen die Manichäer und andere unliebsame Dualisten, die verfolgt wurden. Ziemlich viel Dezentralisation. Und natürlich eine wunderbare Blüte der Wissenschaften und der Technik: Griechisch inspiriert, Arabisch weiterentwickelt. Auch die Literatur gedieh.
Einen ‘Orient’ hatte das alte Baghdad auch. Edward Said meldet in seinem Orientalism (1978), dass bereits die alten Griechen sich einer Art des Orientalismus schuldig gemacht haben. Aber dann kommt er schnell auf seine Hauptangeklagten: England und Frankreich (die Sprachen anderer Kolonialmächte konnte er wohl nicht lesen), und er konzentriert sich dabei auf das 19. Jahrhundert. Den islamischen Orientalismus hat er übersprungen.
Aber tatsächlich, auch die Muslime hatten damals einen ‘Orient’ über den sie ähnliche Zerrbilder hegten (die ‘Wunder Indiens’) als später die Kolonialmächte, und an dem sich sie, wenn es passte, gerne zünftig bereicherten. Die Muslime sind ja die Vorläufer der späteren europäischen Ostindienfahrer gewesen. Ab 800 segelten sie nach Indien, Indonesien und China. Ein Imperium haben sie dort nicht gegründet, aber das taten die Europäer auch erst ab dem 18. Jahrhundert.

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